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 Germanische Mythologie
 
 

Tyr

(nord. tivar, „Götter”, ahd. Ziu, angelsächs. Tiu, Tiv, Tiwas, Teiwaz, Eru) In der germanischen Mythologie Himmels- und Kriegsgott. Tyr ist Hochgott der Germanen und Schutzgott der Rechte des Things. Sein Atribut ist der Speer als Waffe und Rechtssymbol. Später löste ihn Odin ab (BELLINGER, 484).

Tyr ist nach der Edda Sohn des Riesen Hymir und dessen namentlich ungenannter Gattin (Hymirlied, 8-9), er soll aber auch Sohn des Odin und der Frigg sein (COTTERELL, 239).

Er wird als einhändiger Gott dargestellt, da der Wolf Fenrir ihm eine Hand abgebissen hat. Die Asen wollten den Fenriswolf fesseln. Damit der ihr Ansinnen nicht durchschaute, griffen sie zu einer List. Erst gaben sie ihm eine Kette namens Läding (Leuding), die das Untier mühelos zerriß. Dann brachten sie die halbmal schwerere Kette Droma, die der Fenris fast ebensoleicht brach. Dann holten sie die feingewirkte Schlinge Gleipnir und wollten die dem Fenrir ebenfalls umlegen. Der war zunächst mißtrauisch, doch entbot sich Tyr, ihm als Geste des Vertrauens die Hand in den Rachen zu legen. Als Fenrir merkte, daß er gefangen war, biß er dem Tyr die Hand an jener Stelle ab, die seither „Wolfsglied” heißt (Gylfaginning, 25 u. 34).

Mit dem Thor zog Tyr zu seinem Vater Hymir, um von dem einen gewaltigen Braukessel zu holen, worin das Bier für Oegiers Trinkgelag gebraut werden soll. Dabei ist ihnen die Gattin des Riesen Hymir (seine Mutter) durch Ratschlag behilflich und das gewagte Stück gelingt (Hymirlied).

Denn trotz seiner Versehrung gilt Tyr den Menschen nicht als weiser Richter und Friedensstifter, vielmehr ist er kühn und mutig und herrscht über den Sieg im Kriege, Krieger rufen ihn in der Schlacht an (Gylfaginning, 25) und schneiden Siegrunen auf die Scheiden ihrer Schwerter, dabei zweimal den Namen des Tyr nennend (Sigrdiformal, 6).

Von Loki muß sich Tyr dennoch Spott anhören, denn er könne nicht mehr mit zwei Händen kämpfen (Oegiers Trinkgelag, 38, n. SIMROCK). Oder, nach anderer Übersetzung, er sei nun für den Eid untauglich (Lokasenna, 39, n. GENZMER).

Zudem hält Loki dem Tyr vor, von seiner Gattin betrogen worden zu sein (Lokasenna, 40), ein Spott, dem eine sonst unbekannte Geschichte zugrunde liegt (GENZMER, Die Edda, 103).

Zu Ragnarök tötet er den Garm, der vor der Gnupahöhle lag und nun losgekommen war, kommt aber selbst im Kampfe um (Gylfaginning, 51).

Nach Tyr sind in Dänemark, Schweden, Norwegen und England viele Orte benannt. An Tiuz erinnert auch das Wort deutsch (ahd. diutisc) (BELLINGER, 484).

Tyr, im südgermanischen Raum kannte man ihn als Ziu, ähnelt dem indischen Dyaus und dem griechischen Zeus (BELLINGER, 484). Christliche Deutungen des Mittelalters identifizierten in Tyr den schwertkämpfenden Erzengel Michael.
Bei COTTERELL findet sich eine Parallele zum keltischen Gott Nuada, der wie möglicherweise der Tyr vom höchsten Gott zu einem unter mehreren absank, die mit dieser Verstümmelung zusammenhängen könnte. „Ein keltischer Gott namens Nuada nämlich war nach Verlust einer Hand in der ersten Schlacht von Mag Tuireadh gezwungen worden, die Führung der irischen Tuatha De Danann abzugeben.” (Enzykl. d. Myth., 1999, S. 239)

Teiwaz.
Die T-Rune Teiwaz ist die des Tyr (STANGE, 425). Sie ähnelt dem des Kriegsgottes, soll aber auch auf die frühere Eigenschaft des Tyr als Himmelsvater und Gott der männlichen Zeugungskraft weisen, zumal ihr im Futhark die Runde Berkana folgt, die sich auf die Erdmutter beziehe (ASWYNN, Blätter v. Yggdrasil, 94f.).
Auch sei in der Rune Teiwaz die Yggdrasil oder Irminsul erkennbar, die als Weltachse gedacht war (ASWYNN, 95)

So soll die Bezeichnung bzw. Schreibung „Tierkreis” für die zwölf Sternbilder auf einem Mißverständnis beruhen oder eine während der Christianisierung Germaniens absichtlich vorgenommene Umdeutung sein, tatsächlich müsse es „Tyrkreis” heißen. Tyr als Himmelsgott sei als Dreh- und Angelpunkt der Welt betrachtet worden, um die sich der Sternenhimmel mit den Sternbildern des Tierkreises drehe.

Nach Tyr bzw. Ziu ist in ganz Nord-West-Europa der Dienstag als ziostag (ahd. Tag des Ziu; dänisch Tirsdag,; schwed. Tisdag,; engl Tuesday) benannt (BELLINGER, 484).

Auch Pflanzen erinnern mit ihren Namen an den alten Gott: Eisenhut, Tysfolia oder Seidelbast (Kellerhals, dän. Tyvidir, Tyed, Tyswed, Daphne mezereum), n. GRIMM, Deut. Myth., I., S. 165 u. III., S. 72).