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 Tierwelt - Kriechtiere
 
 

Die Schlange

Dieses Tier spielt in den Geschichten eine überragende Rolle. Die Faszination rührt sicher von ihrer dem Menschen so fremden Gestalt her, dem Fehlen jeglicher Gliedmaßen, und auch von ihrer Lebensweise: Unauffällig, meist lautlos schlängelt sich die Schlange über ihr Element, den Erdboden (europäische Schlangen klettern wenig bis gar nicht). Ihr starres Auge wirkt auf uns zwinkernde Wesen unheimlich (vergl. das Auge der Haie oder den tödlichen Blick der Medusa). Die Schlange streift ihre Haut ab und scheint sich so ständig zu erneuern, weshalb ihr Unsterblichkeit zugesprochen wird. Die gespaltene Zunge symbolisiert die Lüge. Viele Schlangen sind Gifttiere, ihr Gift kann zum Tode führen, lähmen oder durch psychedelische Wirkung metaphysische Erlebnisse bescheren.

Die Verbindung der Schlange mit der Gesundheit zeigt sich im Asklepiosstab, den sie umringelt. Auch die Göttin des römischen Staatswohls, Salus, wurde in Begleitung dieses Tiers gezeigt.

Der Ouroborus, König der Magie, dargestellt als sich selbst in den Schwanz beißende und so einen Kreis bildende Schlange wurde von mittelalterlichen Hermetikern verehrt. König der Schlangen soll auch der Basilisk sein.

 

Sumerer / Akkader

Im Gilgamesch-Epos verliert Gilgamesch das von Utnapishtim erhaltene Kraut des Lebens an eine Schlange. Von dieser nahm man an, daß sie unsterblich war, da sie sich durch ihre Häutung periodisch erneuern könne, ohne ein Zwischenstadium im Totenreich durchmachen zu müssen (WALKER, 313).

 

Persisch / Zoroastrismus

Die altpersische Gottheit Zurvan machte den Ahura Mazda zum Himmelskönig, sein Zwillingsbruder Ahriman kam als „Große Schlange” in die Unterwelt.

 

Ägypter

Die altägyptische Götter-Achtheit sind vier Götterpaare, bei der die vier männlichen als Frösche, die weiblichen als Schlangen dargestellt sind.

An den Eingängen zur Unterwelt begegnete die Sonne allabend- und -morgendlich der dämonischen Schlange Apophis.

 

Bibel (Juden, Christen)

Eine Schlange beredet die Frau, vom Baum der Erkenntnis zu versuchen, was zur Vertreibung der Menschen Adam und Eva aus dem Paradies führt.
Die Schlange wird dazu verdammt, auf dem Bauche zu kriechen. Offenbar verfügte sie vor ihrer Tat über Gliedmaßen (1. Mose 14ff.).

Moses erhält von Jahwe die Gabe eines Stabes, der sich, zu Boden geworfen, in eine Schlange verwandelt. Auch sein Bruder Aaron und die Zauberer des ägyptischen Pharao beherrschen diese Kunst (2. Mose 4,1-4 und 2. Mose 7,8-13).

Das apokryphe Buch Henoch nennt als Vorsteher der Schlangen den Erzengel Gabriel (WEIDINGER, Die Apokryphen, 311).

 

Germanen/Nordisch

Die Midgardschlange umringt die von Menschen bewohnte Welt Midgard. Jörmungand ist Sohn des Loki mit der Angrboda.

Eine geflügelte und unsterbliche Schlange kennt man im Alpenraum. Im Jura nennt man sie Vouivre (Viper), in der Schweiz Stollenwurm und im Salzburgischen Birgstutze. (GRIMM, 571)

 

Griechisch / Römisch

Ähnlich dem erwähnten Ouroborus und der Midgardschlange soll auch der Okeanos eine gewaltige Schlange sein, die sich selbst in den Schwanz beißt und die die Wasser von der äußeren Sphäre trennt. Der griechisch-makedonische Eroberer Alexander soll einmal in den Himmel aufgestiegen sein und von der Höhe aus diesen Drachen erblickt haben.

Die Chimäre besteht aus Teilen von Löwe, Schlange und Ziege.

Erichthonios, vierter König von Athen, hatte Schlangenfüße bzw. war ganz von Schlangengestalt.

Orakelschlangen verzierten die Aigis der Göttin Athene.

Eurydike starb am Biss einer Schlange.

Laokoon wurde samt seinen Söhnen von Schlangen getötet, die Apollo oder Athene gesandt hatten und Porces und Chariböa hießen.

Eine Schlange umschlingt den Stab des Asklepios, Symbol der Heilkunde.

Der Tochter des Asklepios, der Hygieia, ist die Schlange heiliges Tier.

Weil Teiresias zwei sich paarende Schlangen geschlagen hatte, verwandelte er sich in eine Frau. Das gleiche Delikt transformierte ihn Jahre später zurück in einen Mann.

Eine Schlange verleiht der Kassandra die Sehergabe, indem sie ihre Ohren leckt. So lernte auch Melampus, die Sprache der Tiere zu verstehen.

Ihre Kühnheit, den Sitz der Götter erstürmen zu wollen, büßen die Aloiden Ephialtes und Otos im Tartaros, wo sie Rücken an Rücken mit Schlangen aneinander gefesselt an einer Säule stehen. Oben auf der Säule sitzt eine Eule, deren Geschrei die Gebrüder plagt und die ihnen überdies die Eingeweide zerhacken soll (vgl. das Zerhacken der Leber bei Prometheus durch einen Adler und bei Tityos durch Geier).

Die alte griechische Göttin Eurynome („die Universelle”) tanzte dem Schöpfungsmythos der Pelasger zufolge allein über dem Urmeer, nachdem sie sich selbst aus dem ungeordnetem Chaos verdichtet hatte. Im Tanz rieb sie den Nordwind Boreas, bis sich aus diesem die Schlange Ophion bildete, mit der sich Eurynome paarte. Die Schwangere legte schließlich ein Ei, um das sich Ophion siebenmal ringelte und ausbrütete. Diesem Welt-Ei entschlüpften die Gestirne einschließlich der Erde.

Der Heros Kychreus soll der Flotte Athens vor der Schlacht bei Salamis in Gestalt einer weissagenden Schlange erschienen sein (Attika, 36,1).

Der Gott Aeskulap gelangte von Epidaurus/Griechenland in Gestalt einer Schlange nach Rom.

 

Indien

Als Krishnas Bruder Balarama gestorben war, kroch aus seinem Mund eine Schlange und verschwand in einem See.

 

Zauberei

„Im Liebeszauber soll eine goldene Schlange im Haar oder am Busen einer Frau das erwählte Mannsbild becircen” (MALA, 102).

 

Vermischtes

Schlangen wird die Fähigkeit zur Früherkennung von Erdbeben nachgesagt, schon eine halbe Woche zuvor sollen sie durch ihr Verhalten ein Erdbeben ankündigen. In China werden Schlangen daher zur Erdbebenvorsorge besonders beobachtet.

 

Schlange in der Fabel

Die Frösche und die Schlange

Die Frösche erbaten sich einst von Jupiter einen König. Er warf ihnen einen Klotz zu. Das Getöse jagte sie anfangs in die Tiefe, bald aber wagten sie, ihre Köpfe herauszurecken und ihren neuen König zu betrachten, der noch auf dem Wasser schwamm; und bald hüpften sie kühn auf ihn hinauf, verächtlich grüßten sie ihn als König; erbaten sich dann aber doch einen andern, der auch ein bißchen regieren könne. Im Zorn gab ihnen Jupiter eine Schlange, welche ihre Regierung auch sofort mit aller Strenge anfing und einen Untertanen nach dem andern verschlang. Bald blieb dem Überrest nichts übrig, als nochmals um einen andern Oberherrn zu bitten; allein Jupiter sprach mit Donnerstimme: "Euch ist geschehen, wie ihr wolltet! Ertragt nun dies Unglück mit Fassung!"

Der Unzufriedene lernt immer zu spät, daß das Alte besser war.

Jupiter und die Schlange

Als Jupiter seine Vermählung feierte, brachten ihm alle Tiere Geschenke dar. Auch die Schlange kroch in den Himmel und trug eine Rose im Munde; doch als Jupiter sie erblickte, sprach er: "Gern und freudig nehme ich die Geschenke der übrigen an, aber von dir will ich nichts haben."

Die Geschenke der Schlechten sind unwillkommen.

(ÄSOP, Fabeln)